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Wie lernt man Zeichnen

 

 

 

 

 

Bücher zu diesem Thema gibt es jede Menge. Wozu also noch einen Blogartikel schreiben? Weil es eine sehr simple Methode gibt, über die ich aber nirgendwo gelesen habe!

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Verzichte auf alle Bücher und Lehrwerke, Du liest sie einfach später oder machst was Du sowieso schon machst, Du lässt sie einfach weiter im Regal stehen und ignorierst sie. Träume diesbezüglich weiter, wie schön es wäre, wenn Du den Inhalt deiner Bücher im Kopf hättest.

 

Jetzt gehe ins nächste Schreibgeschäft und kaufe Dir 500 Blatt Druckerpapier, einfachste Qualität, 12 A4 Kuverts und einige Stifte, z.B. einen Fineliner und einen Bleistift B8. Achte darauf, dass Du die Stifte gerne anfasst! Jetzt noch in den Baumarkt und besorge Dir ein Klemmbrett. Du kannst nun die A4 Druckerblätter auf das Klemmbrett heften. Das ist ein cooler Skizzenblock und sehr preiswert.

 

Günstig ist im Moment wichtig. Hast Du einen spitzenmäßigen, teuren Skizzenblock, dann möchtest Du natürlich auf jeder Seite Kunst machen. Du kannst aber noch nicht zeichnen. Aus Furcht vor dem Scheitern fängst Du lieber nicht an. Das kennst Du schon? Also Du siehst, ich verstehe Dich.

 

Jetzt ein Leitgedanke:

Zwei Zeichner zeichnen. Zeichner A zeichnet pro Tag eine Minute. Zeichner B zeichnet pro Monat an einem Samstag 30 Minuten, sonst nie. Welcher Zeichner wird in ca. neun Monaten passabel zeichnen? Genau, …

 

Ab heute schließt Du einen Vertrag mit Dir. Du zeichnest täglich mindestens eine Minute. Soviel Zeit hat jeder. Lege das Klemmbrett irgendwo hin, wo Du es täglich siehst, damit Du Dein Projekt im Auge behältst.

 

Organisation: Nehme aus Deinem Papiervorrat 30 Blätter. Nummeriere sie von 1 bis 30 durch. Klemme die 30 Blätter auf Dein Klemmbrett. Nehme am Ersten des Monats Blatt 1, am Zweiten Blatt 2 usw. Du frägst Dich, was das mit den Kuverts soll? Nummeriere die Kuverts von 1 bis 12 durch. Stecke jede Zeichnung eines Monats jeden Tag in einen Umschlag des entsprechenden Monats. Januar ist Eins, Februar ist Zwei, usw.

 

Positiver und negativer Ehrgeiz - Sowas gibt’s!

 

Du hast Dein Projekt, „täglich eine Zeichnung“, gestartet. Du hast erfolgreich vier Tage durchgehalten, aber am fünften Tag – die fünfte Zeichnung – vergessen oder nicht gemacht. Du denkst, egal, mache ich morgen. „Morgen" hast Du aber keine Lust und denkst Dir, ich mache dafür „Morgen“ drei besonders gute Zeichnungen. Bevor diese aber misslingen könnten fängst Du erst lieber nicht an und nimmst dir vor dein Projekt in der nächsten Woche einfach neu zu starten. Du siehst, ich verstehe Dich wirklich!

 

Hier der Ausweg aus dem Dilemma:

 

Hast Du einen Tag, eine Woche, einen Monat nicht gezeichnet, arbeite nie nach! Nimm die entsprechenden leeren Blätter von Deinem Klemmbrett und stecke sie in das dafür vorgesehene Kuvert. Dein Scheitern ist nun einfach weg und das Projekt ist auch nicht unterbrochen. Es macht nämlich gerade etwas in Dir. Du findest es doch schade, dass Du schlapp warst und schon an so einer einfachen Aufgabe wie eine Minute zeichnen gescheitert bist, oder? Zeichne ab heute einfach weiter, ignoriere Dein Scheitern, zeichne die fehlenden Blätter nie nach, denn schon bald beginnt der neue Monat. Ich garantiere Dir, Dass, wenn in einem Monat 15 leere Blätter in Deinem Umschlag sind, Du diese Schmach im folgenden Monat nicht wiederholen möchtest. Von Monat zu Monat wird sich deine Struktur verbessern. Es wird nur noch hin und wieder mal ein Tag fehlen und das macht rein gar nichts. Noch ein Tipp: Stecke die Zeichnung täglich ins Kuvert und ziehe sie vorerst nicht mehr heraus. Lass Deine Tagwerke einfach ruhen. Mehr dazu am Ende meines Artikels.

 

Nacharbeiten ist wie Strafarbeit. Wir kennen das alle aus unserer Schulzeit, vor allem von einem miserablen Pädagogen, der uns dazu verdonnerte. Der hat wohl auch nicht gerne nachgearbeitet und war in puncto Motivation vielleicht ein Versager.

 

Wir aber sind nett, geduldig und gütig zu uns selbst. Steckst Du die leeren Blätter in den Umschlag,  entsteht in Dir der Wunsch, es im nächsten Monat besser zu  machen, und genau das kannst Du dann auch. Lass die Idee und den Wunsch, zeichnen irgendwann zu können, in dir wachsen. Einen Tag oder eine Woche "Dürreperiode" tun dem gar nichts. Denke im Großen und Ganzen.

 

Jetzt, sechs, neun oder zwölf Monate später kommt deine Belohnung. Was wäre das Leben ohne Belohnung? Dein Projekt hast Du beendet, Du hast durchgehalten. Nimm dir einen entspannten Tag oder Abend Zeit, öffne jetzt erst Dein erstes Kuvert, schaue Dir Deine ersten Zeichenversuche an und freue Dich riesig, wie viel besser Du das heute kannst. Öffne der Reihe nach Deine Umschläge, wie Briefe, die nur Dir gehören. Erlebe das Jahr nochmal anhand deiner Zeichnungen, schwelge in Deinen Erinnerungen, wenn du die eine oder andere Zeichnung betrachtest. Suche Dir Deine Lieblingszeichnungen aus und lasse sie einrahmen. Sie sind es wert.

 

Und jetzt? Bleibe am Ball. Brichst Du jetzt ab und zeichnest einen Monat nicht, dann ist sehr viel verloren! Ernsthaft.

Angenommen,  Du machst vier Wochen Pause, redlich verdient, denkst Du, und was macht das schon? Aber nach den vier Wochen wirst Du erkennen müssen, dass Deine Finger nicht mehr gehorchen. Ideen hast Du auch keine mehr. Früher konntest Du das alles spielend, aber jetzt?

 

Jetzt bist Du wirklich gescheitert. Jetzt wird es schwierig, das Denken des Zeichners wieder zu erlangen die Spontanität wieder zu erreichen. Jetzt gibt es ein danach. Weitermachen kostet jetzt Kraft. Jetzt gilt es, auch den inneren Schweinehund zu bewältigen!

 

Du schaffst es!

Lege dir ein Skizzenbuch zu. Kaufe eine einfache kleine Kladde, sie kann  postkartengroß oder noch kleiner sein. Zeichne jeden Tag hinein. Denn ab heute bist Du wirklich ein Zeichner. Willkommen im Club!

 

Du hast gelernt, dass professionell zu zeichnen neben organisatorischem Geschick nach kontinuierlicher Übung oder Routine und nach ständiger Motivation oder Freude am Zeichnen verlangt. Mit der Beständigkeit werden deine Zeichnungen immer besser werden und wer weiss, vielleicht ist ja dein professionelles Zeichnen die Grundlage für grandiose Gemälde.

 

© Gerhard Marquard, Landsberg am Lech, 1. Februar 2017

 

Die Verwendung meines Textes ist nur mit meiner ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung erlaubt.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Marion (Sonntag, 28 Januar 2018 20:58)

    Lieber Gerhard,
    dein Beitrag zum Zeichnen hat sich gelesen wie ein Krimi. Im Zusammenhang mit dem sehr motivierenden Seminar vor einer Woche hat es mich jetzt richtig gepackt, zu zeichnen. Den inneren Schweinehund lasse ich jetzt in der Ecke sitzen. Ich danke dir sehr für den konstruktiven Motivationsschub!
    Zurzeit verbringe ich eine Woche-mit Stiften-an der Nordsee.
    Liebe Grüße
    Marion�