· 

Bildkomposition

   

Dass Maler in Museen gehen um ihr Verständnis zur Malerei zu erweitern ist nichts Neues. Neu war aber für mich, dass u.a. auch Schauspieler sich von Figurenbildern für die eigene Arbeit inspirieren lassen …

 

 

Eine kleine Anekdote aus einer Schauspielschule in München:

 

Zuvor hatte ich einige Wochen in München in einer Schauspielschule gezeichnet, um neue Ideen für Figurenbilder zu entwickeln. Zu einer Gruppe von Studenten, die ihr Abschlussstück einstudierten, gesellte sich ein Lehrer mit der Frage, was sie denn da machten? Wir proben ein Stück ein, war ihre Antwort. Aha, sagte der Lehrer, und was soll das hier bedeuten? Das soll bedrohlich aussehen, kam von den Studenten. Zu einer vorbeikommenden Lehrerin sagte nun der Kollege: „Schau mal, das soll bedrohlich aussehen“. Beide Lehrer lachten recht herzlich. In weniger als einer Minute positionierten sie die Studenten in einer neuen Stellung - und diese erweckte in mir nun wirklich die Assoziation von Gefahr. Der Lehrer sagte zu seiner Kollegin: „Du bist wohl auch immer in die Alte Pinakothek gegangen und hast Dir die Figurenbilder angeschaut?“

Was aber ist nun der Inhalt meines Kurses?

 

Wir suchen uns im Museum einige Bilder und erkunden diese zeichnerisch nach unterschiedlichen Lösungen wie Hell-Dunkel-Kontrast, Farbe, Mengenkontrast, Richtungen, Flächen vers. Linien usw.

 

Dieses „Abfragen“ von Bildern gibt uns eine bewusste Vorstellung davon, welche Lösungen der Maler für sein Bild entwickelt hat. Können wir diese Lösungen erkennen und verbalisieren, können wir für unsere eigenen Bilder ebenfalls Lösungen finden.

 

Anhand von kleinen Bleistiftzeichnungen erarbeiten wir uns einige der Museumsbilder. Zeichnerisch deshalb, weil wir Menschen effektiver denken können, wenn die Hand dabei eine begleitende Bewegung macht („Händisches Denken“). Meine Erfahrung hat gezeigt, dass durch bloßes Anschauen nur wenig interpretiert oder von der Bildidee erfasst wird.

Bildkomposition bedeutet, dass alles, was auf einem Bild zu sehen sein soll, die Flächen und die Farben, sinnvoll auf der Leinwand verteilt werden. Die umfassenden Fragen beim Interpretieren der Bilder sind:

 

-  Wie kam der Maler zu diesem Ergebnis?

 

Bilder kann man diesbezüglich zu diversen Schwerpunkten befragen. Dominiert eine Zeichnung das Bild?

 

-  Was hat der Maler mit der Farbe gemacht?

 

-  Wie sind die Flächen angeordnet – finden sich übergeordnete geometrische    Formen?

 

-  Rührt der Bildinhalt an, wenn ja, warum und wie?

 

-  Gibt es Gesetzmäßigkeiten, nach denen z.B. die meisten Landschaften im Museum gemalt wurden? Erkenne ich eine Gesetzmäßigkeit, kann ich diese in meine Malerei einbauen. Oder, wenn es gut geht, daraus meine eigenen Erkenntnisse gewinnen.

 

Diesen vorgenannten Malergedanken spürt man am einfachsten nach, wenn man sie zeichnerisch erkundet. Dabei ist es nicht wichtig, ob man gut oder – nach vielleicht eigener Auffassung – schlecht zeichnet.

 

Dieser Kurs ist ebenso für Personen geeignet, die mehr über Malerei, Bilder und Kunst im Allgemeinen erfahren möchten.

 

Der Anspruch, Figuren perfekt zeichnen zu können, ist nicht erforderlich, ein einfaches Strichmännchen reicht.

Die Kursteilnehmer habe ich in Kleingruppen zu je 3-4 Personen eingeteilt. In der Gruppe sieht und erkennt man mehr. Würde ich mein Wissen zu den Bildern nur vortragen, wären meine Teilnehmer vielleicht gut unterhalten, würden aber das Gespür für die Bildanalyse nicht oder nur kaum entwickeln.

Der nächste Kurs in dieser Reihe findet in der Pinakothek der Moderne statt. Termin: 22. Feb. 2018, 14.00 bis 19. Uhr. Anmeldung über die Malakademie München.


© Gerhard Marquard, Landsberg am Lech, März 2017

Mein Text darf nur mit meiner schriftlichen Erlaubnis verwendet werden.


Nächster Artikel:

"Kolumnen über Maler"

veröffentlicht auf Focus online



Kommentar schreiben

Kommentare: 0