Über mich

Mein Konzept

Die ersten Impulse für meine künstlerische Arbeit erhalte ich aus der Beobachtung meiner unmittelbaren Umwelt. Menschen, die ich gesehen habe, die Blumen vor meinem Atelier usw. In meinen Skizzenbüchern sind diese Eindrücke "notiert". Sowie mich ein Eindruck berührt beginne ich zu malen. Manchmal entwickelt sich das Bild sofort und es malt sich wie von selbst. Dann aber wieder sind Skizzen und Zwischenschritte erforderlich, da der erste Eindruck und die bildnerischen Möglichkeiten erst zueinander in Ordnung gebracht werden müssen. Jetzt entstehen die Papierarbeiten. Mantrahaftes Malen und Zeichnen am Thema beginnt, bis eine überzeugende Lösung gefunden ist. Die guten Bilder haben oft mit der Ausgangsidee kaum noch etwas zu tun.

Aus dem Wiederholen, Übermalen, Sortieren und Experimentieren entwickle ich ein "inneres Drehbuch", das mich zum fertigen Bild führt. Wie immer im Leben, ist der Weg manchmal gerade, manchmal mit Abkürzungen und Möglichkeiten verbunden und dann wieder steil und voller Windungen. 

Von 1988 bis 1994 habe ich an der Akademie der Bildenden Künste in München Malerei & Grafik studiert. Die Vormittage begannen mit Aktzeichnen. Akt, auch als „Naturstudium“, bezeichnet, vermittelt die Kunst der Zeichnung und der Komposition. Geht es dabei anfänglich eher um das Abzeichnen des Menschen und darum, die ganze Figur auf dem Blatt wiederzugeben, experimentiert man später mit der Verschiebung von Proportionen und versucht eigene Figuren und Formen zu entwickeln.

 

Herr Gebhard Schmidl, Werkstattleiter für Maltechnik, führte mich in die Alchemie der Malerei ein. Maltechnik ist die Lehre von der Herstellung von Farben, Malmitteln, Bildgründen, Zeichenmaterialien und die Vermittlung der Vorgehensweise, wie die Idee im Kopf auf der Leinwand umgesetzt wird.

 

Akt/Naturstudium, Farbtheorie und Maltechnik sind die Basiselemente meiner Ausbildung.

 

Mein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München habe ich 1994 als Meisterschüler abgeschlossen.

 

Seit 2007 zeichne ich jeden Tag. Mittlerweile sind das tagebuchartige Zeichnungen in einem Skizzenbuch. Dabei entwickeln sich u.a. neue Bildthemen.

 

Ab 2008 begann ich jeden Arbeitstag damit „Farbetüden“ zu malen. Inspiriert von William Turners „Color-Beginings“ male ich seither spontane Farbskizzen u.a. zu Bildvorhaben.

 

Etwa gleichzeitig fing ich mit regelmäßigem Schreiben am Morgen vor meiner künstlerischen Arbeit an. Meine „Morgenseiten“ sind inspiriert vom Tages- und Zeitgeschehen. 

 

Es ergibt sich aus dem Dargestellten, dass die „Tagesbilder“ das Ergebnis der vorangegangenen Entwicklung sind. Jeden Tag ein Bild - beginnen und beenden. Größere Bilder fängt man irgendwann an und sie werden irgendwann fertig oder eben nicht. Bei Tagesbildern erlebt man die Entwicklung von weißem Untergrund zum bemalten Bild täglich.

 

Die Frage, die sich mir schon ganz zu Anfang stellte war die, was sich in mir verändert, wenn ich 1.000 Tagesbilder gemalt habe? Von der täglichen Motivsuche, über die Herstellung der Maltafeln, bis zum Malprozess, der natürlich nach vielen Wiederholungen einprägende Spuren hinterlässt.

 

Die Pleinairmalerei berührte mich von Anfang an. Als ich etwa 20 Jahre alt war malte ich mit einer VHS-Gruppe im Freien. Ich verkaufte mein Bild frisch weg von der Staffelei. Das war mein erstes verkauftes Bild und eine Riesenfreude. Ich male immer noch gerne in der Natur oder in der Stadt. Was mir dabei gefällt ist, dass die Malerei dabei immer spontan ist.

 

Besonders wichtig ist mir meine Tätigkeit als Dozent. Es macht mir richtig viel Spaß an diversen Einrichtungen zu unterrichten. Der humanistische Gedanke der Forschung - des Malens - und Lehre, wurde für mich zu einem tragenden Motiv für mein Leben.


Öffentliche Ankäufe & Förderungen

Staatskanzlei München ankauf bei Gerhard Marquard
Ankauf Staatskanzlei München, Nachtexpress, 140 x 170 cm, Eitempera, Pigment, Leinwand

 Bayer. Staatskanzlei, München, Ankauf

Film: Atelierbesuche, Bayerisches Fernsehen -  Atelierförderung, Bayer. Kultusministerium  Museum für aktuelle Kunst, Sammlung R. Hurrle, Ankäufe - Ankauf, Bayerische Verwaltungsschule, Holzhausen a.A.

  Kunstpreis der Kulturförderung, Landsberg - Ankauf  Landratsamt Landsberg

  Katalogförderung Postbank, München - Katalogförderung Intel, Kirchheim

Rechtsanwaltkammer München, Ankauf - Stadtmuseum Freyung Grafenau, Ankauf

    Katalogförderung, Bankhaus Jungholz - Bankhaus Jungholz, Ankäufe & Bild für den Empfangsbereich

 Zeitschrift  Mundus, Publikation - Ankäufe von Industrie-Unternehmen - Marktgemeinde Kaufering, Ankäufe & Rathaus

  TV-Doku mit der Kunstakademie EigenArt, Bad Heilbrunn - Westermann Schulbuch-Verlag, Tagesbild


Zur Malerei von Gerhard Marquard

 

von Ulrike Knoefeld-Trost, M.A., Augsburg

 

"Meditationen über das Alltägliche" nennt Gerhard Marquard seine Bilder. "Dinge, die ich rieche, sehe, erlebe." So entstehen stimmige Variationen über die Landsberger Lechhöhen, sowie andere Landschaftsbilder. Im Zentrum seiner Arbeit jedoch stehen "die Betrachtungen zum Miteinander", wie er sagt,der Dialog zwischen Mann und Frau. Marquards Figuren bleiben anonym, sie heißen nach ihrer jeweiligen Tätigkeit schlicht "Sitzende", "Stehende", "Liegende", "Fremde" oder "Gedichteleser". Diese ruhenden Figuren entwickeln eine enorme Präsenzdurch ihre konzentrierte Selbstbezogenheit. Der Dialog entwickelt sich erst durch eine bis aufs Äußerste reduzierte Gebärdensprache. Marquard arbeitet an verschieden Themen gleichzeitig, an Landschaften und Figuren. Wichtig ist ihm die Komposition des Bildraumes durch Formvereinfachung. Die Arbeiten unterliegen einer sich über Jahre hinziehenden kritischen Bestandsaufnahme, wobei malerische Details - bis hin zum gesamten Farbauftrag - abgenommen und neu aufgebracht werden können, Formprobleme geklärt werden. Marquard hat sich so mit den Jahren ein eigenes Ordnungssystem erarbeitet. Landschaftsbilder verzahnen sich zu geometrisierten Geflechten. Senk- und waagrechte Linien stützen das Bild, Gittermuster faszinieren seit jeher Marquard, "die haben etwas ruhendes, konzentrisches". Das Quadrat als Bildformat findet sich bei ihm häufiger als das geläufige Rechteck. Ebenso wichtig ist die Horizontale, eine energische Querverbindung, die als leuchtendes Band alle Bildsegmente zusammenhält. Sie kann beinahe als eine Art Erkennungszeichen für seine Bilder stehen. Im furiosen "Nachtexpress" fungiert sie sogar als dahineilender Zug. Die Horizontale gibt insbesondere seiner zentralen Bildfolge "Sitzende" die entscheidende Spannung, verbindet malerisch und inhaltlich diese stummen Paare, die mit so sparsamen Gesten auskommen müssen.

 

Gerhard Marquard hat sein Skizzenbuch und einen Satz Farbkreiden immer dabei. Das Zeichnen ist nicht nur Gedankenstütze, sondern übt den Blick für Proportionen, rasches Erfassen, des Motivs; Bildstationen werden notiert und im Entwurf auch gleich malerisch erprobt. Maltechnische Experimente sind Pflicht für ihn - Aquarelle entstehen oft im Winter bei starkem Frost.  Selbst mit heißem Wasser bleiben nur wenige Minuten konzentrierter Arbeit, bis die Farbe auf dem Blatt gefriert. Farben und Tuschen werden selbst angerieben, er führt Buch über seine Rezpturen und tauscht Ergebnisse mit Kollegen aus. Neben der maltechnischen Sachkenntnis steht die Sensualität des Künstlers Gerhard Marquard außer Frage. Ob in der Landschafts- oder in der Menschendarstellung dominiert bei aller Nüchternheit des "Kunstraumes Bild" eine sehr innige Verbundenheit zur Natur und ein tiefes Mitfühlen mit den so dargestellten und in sich selbst gefangenen Menschen.

Ereignisbilder

 

Gerhard Marquard und das malerische Transzendieren der Materie

 

LENA NAUMANN

 

Die Strahlkraft von Marquards Malerei beruht nicht allein auf dem meisterlichen Umgang mit feinsinnigen Farbschattierungen und gekonnter Formensprache. Die Stärke seiner Bilder ist schlicht das sinnliche Erlebnis, das sie ihrem Betrachter vermitteln. In ihnen ist die Lebendigkeit ihrer ursprünglichen Motive authentisch eingefangen.

 

Manchmal begegnet man einer Kunst, die sich nicht in die üblichen Kategorien von Entweder-Oder einordnen lässt. So geht es dem Betrachter vor einem Bild des Münchner Künstlers Gerhard Marquard. Malt er nun abstrakt oder malt er gegenständlich? Seine Figuren sind nicht scharf begrenzt, sondern scheinen in einem abstrakten Hintergrund zu verschwinden. Auf geheimnisvolle Weise sind sie beides: gegenständlich und ungegenständlich zugleich. Und Sie haben vor allem eines: einen nahezu unglaublichen Schwung! Gerhard Marquards Bilder drücken niemals etwas Statisches aus, sondern immer eine fließende Bewegung. Nur so und nicht anders lässt sich seine Malerei verstehen: als etwas Geschehendes, Prozesshaftes, in der Bewegung sich Ereignendes.

 

Das wird spätestens deutlich, wenn man dem Maler beim Arbeiten zuschaut. Gerhard Marquard ist das völlige Gegenteil zum Typus des still vor seiner Leinwand sitzenden Künstlers, der sein Modell ins Bild bannt. Seine Bilder entstehen nie aus einem Kaltstart heraus. Er ringt mit ihnen, nimmt unzählige Anläufe, malt Entwürfe über Entwürfe und formuliert das Thema immer und immer wieder. Er kann nicht anders, als in der Bewegung und aus der Bewegung heraus zu malen, nicht selten mit großem Körpereinsatz und schnellen Pinselschlägen. Gerhard Marquard, neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch leidenschaftlicher Fechter, kämpft mit dem Sujet, mit spitzer Klinge gegen den Widerpart der sich sperrenden Leinwand wie die Protagonisten in seinem Diptychon Das Duell. Es ist eine Art künstlerisches Kräftemessen mit der trägen Materie und ein Versuch, ihr den Moment abzuringen, in dem das darzustellende Thema getroffen ist, vollkommen getroffen ist … jene Sekunde, in der es dem Malenden gelingt, mit Pinsel und Farbe die Quintessenz des Darzustellenden zu formulieren, zu verdichten und auf den Punkt zu bringen.

 

Was will der Maler, wenn nicht die Wirklichkeit für einen kurzen, allzu kurzen Moment festhalten, jenen Moment, der sich ohnehin auflöst, sobald er gewesen ist? Auch das ist eine Formel für das Leben und Arbeiten von Gerhard Marquard. Der 1963 in Landberg am Lech geborene Künstler entschied sich bereits mit sechzehn Jahren für den Künstlerberuf und lebt nach einem Studium der freien Malerei an der Münchner Akademie für Bildende Kunst seit 1994 als freischaffender Maler.

 

Das Künstlerdasein ist für Gerhard Marquard weit mehr als nur ein Beruf. Es ist eine Existenzform, die ihm eine ganz besondere Art zu leben abverlangt: ein Dasein jenseits vieler bürgerlichen Sicherheiten. Künstlersein ist für Gerhard Marquard ein Leben voll konzentrierter Kraft und ein Dahingleiten in vollendeter Mühelosigkeit - gleichzeitig. Denn nur im Spannungsfeld von Widerstand und Erfolg bleibt man lebendig und lässt sich die Erfahrung machen, dass es immer wieder weiter geht. Meist mit einer neuen Erkenntnis. Ein authentisches Leben ist mit einem Leben unvereinbar, das sich an Sicherheiten orientiert und frei wäre von Gefährdungen. Für Gerhard Marquard hört das Künstlersein nicht bei der künstlerischen Arbeit auf, sondern erfordert eine Lebensweise, die – ähnlich wie das Malen selber – einen kreativen, an der schöpferischen Potenz des Augenblicks orientierten Prozess darstellt.

 

Wie und was Gerhard Marquard malt, ist nicht verstehbar ohne eine Kenntnis des neuen Weltbildes der Physik, wie es vor allem der Heisenbergschüler und Träger des alternativen Nobelpreises, Hans-Peter Dürr formuliert hat: „In der subatomaren Quantenwelt gibt es keine Gegenstände, keine Materie, keine Substantive, also Dinge, die wir anfassen und begreifen können. Es gibt nur Bewegungen, Prozesse, Verbindungen, Informationen.“ Bereits Einstein wies darauf hin, dass Materie nur eine andere Form von Energie darstellt. Unser Gehirn tut sich schwer mit dieser Vorstellung. Es ist, laut Dürr, im Wesentlichen darauf konditioniert, „den Apfel vom Baum zu pflücken, den ich für meine Ernährung brauche. Unsere Umgangssprache ist eine Apfelpflücksprache.“ Zwar ist es praktisch für den Alltag, die Dinge handhabbar zu machen, trifft aber nicht die unserer Wirklichkeit zugrunde liegenden Ereignisse. Die Quantenphysik hingegen kennt keine physikalischen „Teilchen“. Dürr nennt jene kleinsten Einheiten „Wirks“ oder „Passierchen“, winzig kleine Prozesse, Artikulationen der Wirklichkeit, die sich ereignen und etwas auslösen. Realität ist, physikalisch gesehen, keine Welt von Dingen und Objekten, sondern eine Potentialität, eine Fülle von Kann-Möglichkeiten, sich auf jede denkbare Weise materiell-energetisch zu manifestieren. So lässt sich Materie letztlich als eine nur scheinbar statische Form von sich ereignender Energie verstehen, deren innewohnendes Fließen unser Auge lediglich nicht wahrnehmen kann. Doch weil unser Sensorium zu unscharf ist, sollten wir das scheinbar Bewegungslose nicht für fest und statisch halten.

 

Aus diesem neuen Bild der Welt hat Gerhard Marquard eine große persönliche und künstlerische Konsequenz gezogen. In seiner Lebensgestaltung und im künstlerischen Ausdruck geht es ihm darum, sich einzulassen auf jenen fließenden Strom von Energie und auch seine Arbeit aus ihm heraus zu gestalten. Marquards Werke strahlen eine besondere Form von Dynamik aus, die man selten sieht. Z. B. beim zum Schlag ausholenden Eishockeyspieler oder den Kinder des Ikarus. Auch die aus einem rosa Hintergrund ins Licht tretende weibliche Gestalt in La vie en rose (Titelbild) scheint regelrecht aus dem Bild heraustreten zu wollen. Was immer Gerhard Marquard malt, ist lebendig und in Bewegung. Seine typischen Pinselstriche – breitflächig und streifenhaft – geben sowohl der Figur als auch dem Hintergrund jene Aura von Prozesshaftigkeit, die quantenphysikalisch unsere Wirklichkeit weit besser beschreibt als jede „fest-stellende“ künstlerische Sicht der Realität.

 

Mit diesem Bewusstsein gehört Gerhard Marquard zu den wenigen Malern, denen es längst um mehr geht als nur um die materielle Seite der Kunst, um Farben, Formen, Materialien oder technische Darstellungsmöglichkeiten. Marquard ist geistig und faktisch ein Künstler des 21. Jahrhunderts. Er setzt die Bewusstseinshöhe seiner Kultur enorm lebendig in die Praxis um: in der Art, wie er lebt, wie er malt und was er malt. Seine Bilder schweben messerscharf an jener Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Das Figurative, Dinghafte wird – ganz im Dürr´schen Sinne – relativiert und in seiner Objekthaftigkeit in Frage gestellt durch das auflösende Moment der Abstraktion. Und das Abstrakte fließt nahtlos in die Gegenständlichkeit, um zu zeigen, dass die Dinghaftigkeit dieser Welt nichts anderes ist als eine gerinnende und zugleich sich wieder auflösende Form von Energie. Marquards Bilder geben eine Ahnung davon, dass die Kunst möglicherweise erst jetzt, erst im 21. Jahrhundert, allmählich in die Lage kommt, ein wirkliches Bild von Wirklichkeit darzustellen. Was die streng figurative Darstellung, sozusagen die „Teilchen-Kunst“, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vorherrschte, ebenso wenig vermochte wie die reine Abstraktion im 20. Jahrhundert, wird möglich durch durch die Integration der Gegensätze von formender und gleichzeitig auflösender Darstellung, von Figur und Abstraktion. In Gerhard Marquard hat sie einen Meister gefunden.

 

Der mit dem Förderpreis der Kunst- und Kulturstiftung Landsberg ausgezeichnete Künstler wurde 2005 vom Bayerischen Rundfunk im Rahmen der Dokumentationsreihe „Atelierbesuche“ bereits einem breiteren Publikum vorgestellt. Seine Werke hängen u. a. in der Bayerischen Staatskanzlei und im Lechtalbad Kaufering. Bilder von Gerhard Marquard sind immer in der camera artis in der Geibelstrasse 6 in München.

 

Veröffentlicht in Mundus, Heft 1/2008, März, April, Mai

Katalogtext von

 

Frau Dr. Margareta Benz-Zauner

 

Die gemeinsame Ausstellung von zwei Künstlern eröffnet einen Dialog, der ihre Verschiedenheiten deutlich machen und so ihre jeweiligen Eigenart zur Sprache bringen kann. Sie unterstellt aber auch Gemeinsamkeiten.

 

Beide, Marquard und Stöckle, arbeiten lange und intensiv an ihren Themen - so lange, bis sie ausgeschöpft sind oder einen anderen Weg zeigen. Und beide legen großen Wert auf gediegene Ausführung. Sie verstehen ihr "Handwerk", was bei moderner Kunst keineswegs selbstverständlich ist. Stöckle gießt seine Bronzen selbst und beherrscht alle Finessen der Oberflächenbearbeitung. Marquard rührt sich seine Temperafarben mit echten Eiern an und weiß um die unterschiedliche Griffigkeit der verschiedenen Pigmente. Im Ernstnehmen ihrer Materialien zeigt sich, wie ernst sie ihre Kunst nehmen. So gewinnt sie schließlich Substanz und Dauer: ihre Existenz. Denn die Werke sind keine statischen Endprodukte. Sie offenbaren den Prozess ihrer Entstehung, was in der Ausstellung mit ihren Bildgruppen und Motivationen gut nachvollziehbar ist. Beide gehen bei ihrer Arbeit allerdings jeweils anders vor.

 

Marquard lässt sich - wenigstens für seine Figurenbilder - von Alltagsbeobachtungen packen. Er skizziert Menschen am Strand und auf der Straße oder Szenan an und bei Empfängen, hält sprechende Haltungen und Gesten fest, die ihn berührt haben. Diese ersten, wie im Vorbeigehen schnell im Skizzenbuch festgehaltenen Zeichnungen setzt er dann in Temperafarben mit bewusst reduzierter Palette in größere Formate um; daneben macht er Studien mit starker Farbigkeit. Dabei lotet erimmer wieder neu den Bildraum aus, in dem die Figuren nun agieren und die Farbklänge schwingen. Er erspürt die Ausdrucksnuancen, die eine Veränderung in der Komposition mit sich bring, befragt all diese Bildformen auf die Gefühle hin, die sie in ihm auslösen, und erprobt, wie diese die ursprüngliche  Alltagssituation wieder aufleben lassen.

 

So findet Marquard in einem langen, spannungsreichen Prozess zu einer Essenz seines Erlebens, die beides, das Ausgangsgefühl und die neu geschaffenen Ausdrucksformen verdichtet. Diese sucht er schließlich im eigentlichen Bild in Öl auf Leinwand, manchmal auch in mehreren parallel erarbeiteten Varianten, auszuformulieren. Das Bild wird dabei zu einem echten Gegenüber für den Künstler. Mit all den Gefühlen, die in der Anlage des Bildes bereits stecken und die ihm Marquard noch weiter mit heftigem Pinselgestus und kraftvollen Schlägen zufügt, bekommt es immer mehr eigenes Leben und wird so schließlich zum Inbegriff des ursprünglichen Erlebens, das nun nicht mehrnur Marquard selbst anrührt, sondern auch und gerade den Betrachter. Am Lächeln, das man beim Anschauen solcher Bilder spürt, merkt man, dass das gelungen ist. Es ist das Lächeln der Erkenntnis. Denn genau solche situationen wie etwa das beschwörende Treffen der "Holding"oder einen solche "Mann, der alles kann" hat jeder Betrachter schon kennen- und fürchten gelernt.

 

Auch Stöckle arbeitet bisweilen direkt nach der Natur, etwa wenn er ein Portrait erstellt. Doch meist geht er von einfachsten, abstrakten Formen aus, zu denen er die Erscheinungswelt der Natur reduziert hat: Tore, Keile, Pyramiden, Platten, Säulen. In strenger Beschränkung auf solche Formen variiert er sie. Er stellt seine Tore beispielsweise in Schräglage, knickt sie ein, verschiebt die Pfeiler nach vorne oder hinten, so dass sie in Bewegung geraten, zu wanken oder zu schreiten scheinen, oder er wölbt ihre Laibung und Umrisse, so dass sie weibliche Gestalt gewinnen. Mit schier unerschöpflicher Neugier sucht er nach all den Ausdruck gebenden Möglichkeiten, die in einersolch einfachen Form stecken.

 

Dabei wird allerdings klar, dass er nicht die geometrischen, a priori abstrakten Formen sind, mit denen Stöckle arbeitet. Es sind vielmehr aus der Naturbeobachtung erschlossene Formprinzipien, sozusagen Baupläne des Lebens. Die Keilform etwa beinhaltet Richtung und Kraft, sogar Sprengkraft, wie jeder aus eigener Erfahrung weiß. So erhalten die Figuren, die Stöckle aus solchen Bauteilen zusammenfügt, ihre vorwärts drängende. männliche Dynamik. Die kristallinen Formen der Pyramiden mit ihren glatten Wänden dagegen scheinen wie Gehäuse ein geheimnisvolles Inneres zu verbergen, erinnern an Blütenknospen, Schatztruhen, manchmal auch Särge oder Kirchen.

 

Angesichts der Einfachheit von Stöckles Formen bewirken kleinste Veränderungen, ein Richtungswechsel, ein Abknicken, eine eingedrückte Mulde oder ein leichter Bauch ein überraschend großes, gleichzeitig sehr offenes Spektrum an Bedeutungen, genauer gesagt: von Andeutungen, die dem Betrachter viel Freiheit lassen.

 

Die Spielfreude dieser Arbeitsweise kommt in seinen jüngsten Werken mit hintersinnigem Witz zur Geltung. Es sind Köpfe, manchmal auch Fantasiegestalten aus Kieselsteinen, die der Lech geformt hat. Stöckle hat sie in der Landschaft, in der er lebt, gefunden. Es sind die "abstraktesten", inhaltsleersten Formen, die man sich denken kann: Flussgeröll, wie es in Millionen von Jahren entstanden ist. Die zufälligen Ausformungen, die solche Kiesel im Laufe der Erdgeschichte erfahren haben, deutet Stöckle mit Bronzemontierungen aus und bringt auf diese Weise selbst Steine zum Sprechen. Auch hier - wie bei der Betrachrung von Marquards Figuren - stellt sich beim Anschauen unwillkürlich ein Lächeln ein: In der jeweils gefundenen Formensprache von Stöckles Bronzefassungen gibt sich der Ausdruck der Naturform zu erkennen.

 

Sinnliche Erkenntnis? Oft schon wurde bezweifelt, dass so etwas möglich ist. In den werken der beiden Künstler scheint sie auf - als Furcht der intensiven Durchdringung der sinnlichen Erfahrung, die sowohl die Arbeitsweise von Marquard als auch von Stöckle bezeichnet.

 

 

Blickwinkel

von Peter Dempf, Schriftsteller

Einführungstext zur Ausstellung "Blickwinkel".

 

Verstehen wir darunter nicht Auffassung, Aspekt, Gesichtspunkt, Perspektive, Standpunkt, gemeinhin den Ort, von dem aus wir die Welt betrachten. Sind wir ehrlich, müssen wir zugeben, dass es viele solcher Orte gibt. Ein Blickwinkel ist daher immer subjektiv, grenzt anderes aus, ist die Verkürzung der Sicht auf ein Segment. Erst viele Blickwinkel ergeben den Kreis des Lebens, sprich der Wirklichkeit.

Werden wir mit der Sicht anderer konfrontiert, lässt uns das Ausbrechen aus dem Gewohnten, aus Mustern, Kategorien, Analogien. Neue Erfahrungen sind möglich. Wir können an der subjektiven Wirklichkeit des anderen stolpern. Nur dann machen wir uns Gedanken über den Weg, den wir gehen. Kunst offeriert Sichtweisensiebietet dem beschränkten Gesichtsfeld des einzelnen Erweiterung.

 

Vorwort (Katalog)
von Peter Dempf, Schriftsteller

 

"Ich brauche die konkrete Vorstellung, eine Figur, eine Landschaft, einen Gegenstand, um überhaupt malen zu können." erklärt Marquard seinen Zugang zur Malerei. Dabei geht der Künstler sehr systematisch vor. Bildideen werden auf Großleinwand aufskizziert und im ersten Schritt ausgearbeitet. Malerische Probleme. die dabei auftreten, löst der Künstler auf kleinformatigen Leinwänden, die den Prozeß der Bildentwicklung parallel begleiten. Mit ihnen unterbricht Marquard den schöpferischen Prozeß, wenn dieser in eine Sackgasse gelaufen ist und schafft sich neue Freiräume, mit denen löst der die malerischen Probleme auf der Großleinwand. Zyklen entstehen so, Varianten und Versuche, die Haltungen, Farbgebungen, Formspiele und Gedanken wiedergeben. Er selbst nennt es "die Verbalisierung von Zwischenschritten", denn sie bilden nichts weiter als die Übermalungen, die ohnehin auftreten würden, nur dass er sie separiert und dem Auge zugänglich macht. "Sie sind wie Schichten, die sich im üblichen Schaffensprozeß unter dem letzten Bild verbergen würden".

Zwei Funktionen erfüllen die Kleinformate bei Marquard, die er so beschreibt:"Ich beginne meine Ideen formal zu durchdringen, baue eine Energie auf die mir im Prozeß von Entstehen und Zerstören Kraft für Neuanfänge gibt, und ich beschleunige mein Maltempo, was der Pinselführung eine Sicherheit und Lockerheit verschafft, die den Blick anzieht".

Dem Künstler liegt dabei vor allem am klar recherchierten Farbklang. Über die Farbkugel, einer dreidimensionalen Weiterentwicklung des Farbkreises, gewinnt er seine Töne. Seine Farbakkorde gewinnt er über geometrische Schnitte durch die Farbkugel, beschränkt sich auf wenige Farben, auf die gefundnen Akkorde zumeiste, die ihn anregen, undauf die Betrachter anregend wirken. "Ich verzettle mich dadurch farblich nicht mehr", gesteht der Künstler, "und erhalte Farbkombinationen, auf die ich anders nicht gekommen wäre."

Für den Betrachter einleuchtend und interessant, sind die Wege, die das Werk nimmt. Von sehr konkreten Figuren, z. B. dem Mann mit der Hand und dem ausgestreckten Arm, abstrahiert sich die Bildaussage je weiter der Künstler vorschreitet. Es ist eine Annäherung an die Aussage, die dem Künstler von Beginn an vorschwebt, die er aber nicht von Beginn an zu verbalisieren vermag. "Ich komme dem Unbekannten näher, , je intensiver ich mich mit dem Thema befasse", erläutert Marquard selbst.

Seine Eurydike ist ein derartiges Ergebnis. Ihr tiefes Blau senkt in den Betrachter die Stimmung der Unterwelt, nicht düster, sondern geheimnisumflort, während die Figur kontrastivGelb dagegengesetzt ist. Selbst in die Haltung des Orpheus versetzt, der seine Geliebte sucht, reagiert der Betrachter auf das Gemälde. Wie Schatten wachsen ihm heller Schatten aus der Tiefe des Bildes über den unteren Bildrandhinauf in die Mitte, dynamisch emporgetrieben von einer Geste, die sich die Sagengestalt erlaubt: einen begrüßenden wie gebieterischen Wink mit der Hand, weiß unterstützt. Dabei wirkt die Szene eingerahmt, in unser begrenztes Blickfeld gesetzt, da der Künstler die vorhergehende Untermalung in Gelb-Weiß am Rand stehen gelassen hat. Es ist ein Gemälde, dass nach einem greift und zur Betrachtung zwingt.

Marquards Themen unfassen die ihm sichtbare Umwelt: Landschaft, Mensch, Pflanze.

Letzteres ist ein Feld, dass er sich neu zu erschließen beginnt.

"Ich möchte Blumenbilder malen, in denen die Formen fließen und die Striche sich auflösen und doch schnell, kompakt und klar die Aussage eines Straußes, einer Blüte erfasst wurde. Das System muss fließen". So taucht der Betrachter der Bilder Marquards in eine Welt ein, die nders nicht erfahrbar wird - und beim Betrachten von Zyklen aus der Hand des Künstlers wird man sich dem Prozess des Künstlers aussetzen. So gewinnt der Betrachter einen eigenen rationalisierten Zugang. Dieser öffnet ihn die letzte, die wesentliche Bildaussage

Gerhard Marquard

 

Gerhard Marquard, 1963 in Waal geboren, studiert seit 1988 Malerei an der Münchner Akademie der Bildenden Kunst, in der er ein eigenes Atelier hat, seit 1993 als Meisterschüler. Er lebt heute in München und Landsberg. Die Akademie gab ihm, wie er erzählt, viele Anregungen als Experimentierfeld mit neuen Kunsttechniken, im Leben der Werkstätten, im Gespräch mit Künstlern über Fragen des Malprozesses und der Form. Für den eigenen Interessenkreis gaben Vorträge anderer Künstler Anstöße und die reiche Bibliothek mit Ausblicken auf das internationale Kunstgeschehen. Alf Lindberg, Emil Schumacher, Asger Jorn, Wilhelm de Kooning und Horst Antes haben ihn als Maler besonders beeinflusst.

 

Als aufmerksamen und scharfsichtig kritischen Besucher kann man ihm auf Münchner Ausstellungen begegnen, oft dieser oder jener Stelle eines Gemäldes nachsinnend. Immer wieder geht er hinter das Bild zum Künstler zurück und fragt: "Eine interessante Lösung, aber wie ist der Maler zu ihr gekommen, welches sind seine Erfahrung, seine Formgedanken?"

Marquard möchte weder mit rein gegenständlichen Motiven noch mit reiner Abstraktion in gängige Schubfächer der Malerei fallen. Deshalb arbeitet er seit langem an einer Motivserie "Sitzgruppe", die beim Frühjahrssalon Kaufering gezeigt wird. In größeren Skizzenreihen, Tusche- und Kreidezeichnungen, Aquarellen und Gouachen, bewegt er sich teils auf Variationen der Bewegungsstruktur, der Nähe und Distanz eines sitzenden Paars zu und erprobt dann wieder, welche Farbkontinuen es ausdrücken. Die strenge thematische Begrenzung erlaubt, die Wege zur stimmigen Komposition um so konzentrierter zu gehen. Das Paar sucht hier den heftiger bewegten Dialog, dort das problematisierte Gespräch, verdinglicht oder erstarrt zur Plastik und hat sich mit vielfältigen Hintergründen auseinanderzusetzen. Andernorts ist es in Kontur und Farbenidiom durch den Hintergrund definiert.

 

Sicher lassen sich Analogien zu Leben, Partner und Umwelt des Individuums heute finden. Aber der Malprozeß selbst ist Marquard ebenso wichtig. "Jedes Bild dieser Serie", schreibt er, "ist ein neuer Anlauf zu einem anderen Gestaltungsthema. Dabei beschäftigen mich die Fragen: Welche Bilder entstehen, wenn ich längere Zeit ein Thema bearbeite? Welche formalen Notwendigkeiten entstehen für dieses Thema (Format, Technik)? Wie oft kann ich die Figuren neu komponieren und mit welchen Mitteln? Wieviele Farbthemen ergeben sich (z.B. Qualitätskontrast)?" Der Besucher des Frühjahrssalons muss aber nicht fürchten, nur Forscher im Farblabor zu sein. Er darf sich auch dem faszinierenden, kraftvollen Farbenspiel von Blatt zu Blatt überlassen.

 

Reiner Zeeb